Sauberes Trinkwasser – Luxus oder Selbstverständlichkeit?

Grüne diskutieren bei Politischem Aschermittwoch über die Versorgung mit wichtigstem Lebensmittel
Aschermittwoch 1Klingenberg, den 05.03.2014. Im überfüllten Nebenraum der Gaststätte „Mainterrasse“ informierte Irmi Markert, Chemieingenieurin und Laborleiterin im Wasserwerk Aschaffenburg, über Wasseraufbereitung, Vorschriftendschungel, Pflichten der Wasserversorger, Analyseverfahren, chemische und mikrobiologische Parameter, kurz über alles das, worüber sich Otto Normalverbraucher beim Aufdrehen des Wasserhahns nur sehr selten Gedanken macht, und verpackte dabei manch trockene Materie zum kühlen Nass in einen spritzigen Vortrag. Markerts Credo: Prinzipiell haben die rund 7000 deutschen Wasserversorgungsbetriebe alle Verunreinigungsprobleme im Griff. Sauberes Trinkwasser ist daher aus ihrer Sicht zumindest für Deutschland eine Selbstverständlichkeit, die natürlich auch ihren Preis hat: Im internationalen Vergleich sind die deutschen Wasserpreise Spitze.
Sorge bereitet der Chemieingenieurin allerdings die Zunahme von Menschen gemachter Einträge wie Pflanzenschutzmittel oder Arzneimittelrückstände ins Grundwasser, aus dem in Bayern knapp drei Viertel des Trinkwasser gewonnen wird. In der gemeinsamen Veranstaltung vom grünen Kreisverband und den Ortsverbänden Klingenberg und Erlenbach von Bündnis 90/DIE GRÜNEN zum Thema „Sauberes Trinkwasser – Luxus oder Selbstverständlichkeit?“ stand am Ende fest: Es ist gut, dass die europäische und deutsche Gesetzgebung strenge Maßstäbe zur Qualitätsgarantie anlegt.
Anfangs hatte der Klingenberger Ortssprecher und Stadtrat Harald Fischmann in seiner Einleitung auch die internationale Dimension ins Spiel gebracht. Friedensforscher gehen davon aus, dass in naher Zukunft Kriege nicht mehr um Öl, sondern um Wasser geführt würden. Rund 900 Millionen Menschen hätten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, für 2,5 Milliarden fehle regelmäßig sauberes Wasser für sanitäre Zwecke. In einer UN-Resolution wurde die Versorgung mit sauberen Trinkwasser 2010 zu einem Menschenrecht erklärt. Die besondere Bedeutung zeige sich laut Fischmann auch im Leitsatz der DIN 2000, die sich mit der zentralen Trinkwasserversorgung in Deutschland auseinandersetzt:„Trinkwasser ist das wichtigste Lebensmittel, es kann nicht ersetzt werden.“
Laut Ansicht Irmi Markerts müsse deswegen alles daran gesetzt werden, es vor Verunreinigungen zu schützen. Diese durch Technik aus dem Wasser herauszuholen, sei immer die schlechtere Alternative. Überschreitungen zulässiger Grenzwerte lassen sich nach Aussage der Klingenberger Stadtratskandidatin häufig auf plötzliche Veränderungen in der Boden- oder Wasserbeschaffenheit, landwirtschaftlich bedingte Stoffeinträge oder Mängel in der Trinkwasseraufbereitung zurückzuführen. Überschreitungen bei Schwermetallen gingen dagegen praktisch immer auf die Einflüsse der häuslichen Trinkwasser-Installation zurück. „Klingenberg ist hier durch die Altlastengebiete wahrscheinlich eine Ausnahme.“
Aschermittwoch 2Stadtrat Willy Stritzinger äußerte in seinem folgenden Abriss über die Historie der Klingenberger Wasserversorgung die Vermutung, dass die ehemalige Kreismülldeponie in Großheubach das Klingenberger Grundwasser, das aus zwei neuen bereits 1997 gebohrten Brunnen gefördert wird, belasten würde. Aufgrund von Beanstandungen des Gesundheitsamtes bezüglich der ehemals genutzten Quellen als natürliche Trinkwasservorkommen war eine Neuordnung der Wasserversorgung erforderlich.
Die genutzten Quellen waren teilweise mikrobiologisch belastet und aufgrund ihrer Lage nicht schützbar. Die Springerbachquellen und die Quelle zwischen den Bächen, aber auch der Reifenbergbrunnen wurden vom Netzt genommen. Die Herrenbrunnenquelle sollte künftig nur zur Notversorgung herangezogen werden. Stritzinger, der im Lebensmittel Wasser mehr als die Summe seine Bestandteile sieht, betonte zwar, dass immer wieder Blei im Rohwasser festgestellt wurde, „alle Messungen lagen aber immer deutlich unter den bestehenden Grenzwerten“. Bis zum Mai 2013, als eine einzelne Messung mit 39 Mikrogramm pro Liter den aktuellen Grenzwert knapp um das Dreifache übertraf. Folge ist, dass Brunnen 1 vom Netz genommen wurde und das Gesundheitsamt die Stadt beauftragt hat, alternative Möglichkeiten der Trinkwasserversorgung auszuloten – alles auf Kosten der Stadtwerke versteht sich. Trotz zeitlich sehr dichter Messreihen seit dem Auftauchen des „Ausreißers“ seien nach Auskunft des Aufsichtsratsmitglieds Fischmann weder im Rohwasser noch im Trinkwasser erneute Grenzwertüberschreitungen feststellbar gewesen. Trotzdem fordert Willy Stritzinger, mittel- bis langfristig neue Brunnen zu erschließen, bei der Dichte an Altlastenflächen in Klingenberg weiß aber auch er nicht wo.
Vor einem ähnlichen Problem stünde nach Auskunft von Kreissprecherin und Stadträtin Petra Münzel die Stadt Erlenbach, da das bisherige Wasserschutzgebiet zu zwei Dritteln auf städtischem Siedlungsgebiet liegt. Für die Suche nach neuen Brunnen und Probebohrungen seien bereits 200.000 Euro aufgewendet worden.
Zur Frage aus der Zuhörerschaft, wieso aus einem Einzelmesswert bei Blei ein derartiger „Hype“ entstünde, wusste Irmi Markert auch keine eindeutige Antwort und zeigte sich sehr verwundert. Sie wies aber darauf hin, dass Blei ein hochtoxisches Nervengift sei, und hatte bereits vorher ausgeführt, dass die Stadt jede Grenzwertüberschreitung veröffentlichen müsse, sowohl für das Gesundheitsamt, als auch für die Bevölkerung.
Dass die Behörden reagieren, findet Frank Zimmermanns grundsätzlich positiv. Er glaubt, dass dadurch der nötige Druck aufgebaut würde, Wasserschutzgebiete auszuweiten. Nina Hecht und Patrick Wagner fragten sich, ob es in Deutschland kein einheitliches Verfahren gebe, das die Feststellung von Bleiwerten im Wasser und die damit verbundene Schließung von Brunnen regele. Dies aufgrund einer einmaligen Grenzwertüberschreitung zu tun, können sie nicht nachvollziehen. Annette Rüttger regte an, die Stadtwerke Aschaffenburg als Analyselabor für die Messungen zu beauftragen.
Die Frage Ingrid Berninger-Luigs, warum gerade in Deutschland die Wasserpreise so hoch seien, beantwortete Markert mit dem hohen Versorgungsstandard. Der größte Batzen falle dabei nicht für die Analyse und Aufbereitung, sondern für die Versorgungsinfrastruktur wie dem Leitungsnetz an. Selbst in Klingenberg, das in den letzten Jahren fast neun Millionen Euro in die Wasserversorgung investiert hat, betrage der Preis für Trinkwasser aber nur einen Bruchteil dessen für Mineralwasser. Und das, obwohl letzteres viel weniger gut kontrolliert sei, so Günther Danigel.
Die Tatsache, dass die Deutschen nicht nur bei den Wasserpreisen, sondern auch beim Wassersparen Spitze sind, beurteilt Markert ambivalent. „Wir müssen mit Wasser schonend und sparsam umgehen. Dazu müssen alle Bereiche – Kraftwerke, Industrie und Landwirtschaft – ihren Beitrag leisten.“ Dagegen sieht die Trennfurterin mittlerweile Einsparpotentiale in privaten Haushalten im Bereich der persönlichen und Haushaltshygiene eher gering. Die für lange Zeiträume angelegten Versorgungssysteme seien so dimensioniert, dass der hygienisch sichere Betrieb der Schwemmkanalisation „ohne Zusatzmaßnahmen ins Wanken geraten kann, wenn pro Person weniger Wasser als bisher abfließt“.
In seinem Schlusswort wies Fischmann darauf hin, dass es weltweit kein besser überwachtes Lebensmittel gebe, als das deutsche Trinkwasser. In Anbetracht der Diskrepanz, dass die Wasserversorgung in Klingenberg beispielsweise für einen Jahresverbrauch von 450.000 Kubikmeter ausgelegt, mittlerweile aber auf unter 300.000 Kubikmeter abgesunken ist, rief das Aufsichtsratsmitglied der Klingenberger Stadtwerke die anwesenden Zuhörer dazu auf, das Lebensmittel Wasser auch ausgiebig zu nutzen. „In finanzieller Hinsicht bringt Wassersparen sowieso nicht viel, weil es zu Defiziten bei den Versorgungsunternehmen führt, die gezwungen sind, diese über den Wasserpreis wieder hereinzuholen.“

Autor: Harald Fischmann, Pressesprecher

 

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