Leserbrief von Wolfgang Günther – ungekürzte Fassung

Zur Zeit erleben wir ein Theaterstück, das die Gemüter heftig bewegt:

„Energiewende in Deutschland“. Aktuell werden folgende Szenen geboten:
1.Szene: Schwarz gekleidete Herren, beladen mit riesigen Säcken mit der Aufschrift „Stromkosten“ betreten, ächzend unter der schweren Last, die Bühne. Sie schwenken Warnschilder mit der Aufschrift „Arbeitsplätze in Gefahr“ und „Wir wandern aus!“. Das Publikum verfällt in Schockstarre, einigen Zuschauern stehen Tränen des Mitleids in den Augen, vereinzelt kommt es zu spontanen Spendensammlungen.
2.Szene: Mit stolzgeschwellter Brust betritt Wirtschaftsminister Gabriel die festlich geschmückte Bühne, um mehrere Auszeichnungen entgegen zu nehmen. Für seinen heldenhaften Einsatz in Brüssel erhält er die Titel „Retter der deutschen Industrie“ und „Retter der Arbeitsplätze“. Sein Kampf gegen die Windräder wird mit dem „Don-Quijote-Preis“ gewürdigt. Auch eine Sparbüchse wird ihm überreicht als Anerkennung für seine Bemühungen um billigen Strom. Sie ist allerdings noch leer. Das Publikum klatscht begeistert Beifall, vereinzelte Pfiffe und Buhrufe gehen im Beifall unter. Die Prominenz in der ersten Reihe, Vertreter von Industrie, Energieversorgern und Medien sowie Politiker erheben sich von ihren Plätzen und spenden stehend Beifall.
3.Szene: Drei Grazien, verkleidet als Sonne, Wind und Wasser wirbeln über die Bühne. Doch als von beiden Seiten Männer mit Kohlesäcken auf die Bühne stampfen und den Inhalt auf den Boden kippen, wird ihr Tanz jäh gestoppt. Ein Teil des Publikums klatscht Beifall; es sind aber auch laute Pfiffe und Buhrufe zu hören.
4.Szene: Von links kommend schiebt sich ein Auto quietschend und ruckelnd über die Bühne. Ursprünglich ein schmuckes Fahrzeug ist es jetzt fast schrottreif, an zahlreichen Stellen verbeult und nur notdürftig ausgebessert. An der Seite kann man kaum noch den Schriftzug entziffern: „Mit dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz das Klima …“. Bevor das Auto nach rechts verschwindet, stürmen einige Zuschauer aus den Reihen der Prominenz auf die Bühne und schieben es zurück. Jetzt gerät das Publikum in Aufruhr. Einige Zuschauer, hier vor allem Vertreter der Medien, klatschen Beifall und bewerfen das Auto mit faulen Äpfeln, andere reagieren mit wütenden Protestrufen und Solidaritätsbekundungen; es kommt zu handfesten Auseinandersetzungen, schließlich fällt der Vorhang – weitere Fortsetzungen garantiert.
So weit die Vorstellungen auf offener Bühne. Wie sieht aber die Realität hinter den Kulissen aus?
Bis jetzt hat kein einziges Industrieunternehmen wegen der angeblich so hohen Stromkosten Deutschland verlassen, was auch Herr Gabriel jüngst im Bundestag einräumen musste. Die deutsche Industrie steht im internationalen Wettbewerb hervorragend da; das beweisen die jährlich steigenden Exportüberschüsse. Dass die Energiewende Arbeitsplätze gefährdet, ist ein Märchen. Eher ist zu befürchten, dass durch das Ausbremsen der erneuerbaren Energien Arbeitsplätze an anderer Stelle verloren gehen.
Im Übrigen erweist Herr Gabriel der Industrie einen Bärendienst, wenn er ihr die Ökostromkosten erspart. Sie wird nicht gezwungen, in energiesparende Produktionsverfahren und Maschinen zu investieren. Stattdessen kann sie sich auf den niedrigen Stromkosten ausruhen und wird noch motiviert, möglichst viel Strom zu verbrauchen. Die Zeche zahlt Otto-Normalverbraucher in Form von hohen Stromkosten. Zusätzlich wird er von den Energieversorgern geschröpft, die die gesunkenen Strompreise nicht weiter geben. Allein dadurch zahlen wir Verbraucher jedes Jahr mindestens 500 Millionen Euro zu viel.
Bei seinen Bremsmanövern hat Herr Gabriel nicht die Interessen der Verbraucher, sondern die der Industrie, der großen Energieversorger und der Kohleländer im Blick. Weil RWE den Einstieg in die erneuerbaren Energien verschlafen hat, schreibt der Konzern rote Zahlen. Davon sind viele sozialdemokratisch regierte Kommunen betroffen, die Aktienpakete von RWE halten. Also muss Herr Gabriel die erneuerbaren Energien ausbremsen. Weitere Bremser sind die Länder NRW und Brandenburg, die ihren Braunkohletagebau retten wollen.
Deshalb ist es kein Wunder, dass Herr Gabriel bis jetzt keinen Finger krumm gemacht hat, um dem Handel mit CO²-Zertifikaten wieder auf die Beine zu helfen. Das würde nämlich das Aus für die meisten Kohlekraftwerke bedeuten, hätte aber den Vorzug, dass dadurch der CO²-Ausstoß drastisch gesenkt würde. Leider ist aber gerade dieses Ziel bei dem ganzen Hickhack um die Energiewende völlig aus dem Blick geraten.

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